Bandcamp nach der Songtradr-Übernahme — was bleibt vom Indie-Marktplatz?
Im September 2023 übernahm Songtradr die Plattform von Epic. Drei Jahre später lässt sich bilanzieren: Was hat sich für deutsche Indie-Labels und Künstler:innen verschoben?
Am 28. September 2023 wurde bekannt, dass Songtradr — ein australisches Music-Licensing-Unternehmen — Bandcamp von Epic Games übernimmt. Epic hatte die Plattform seinerseits erst im März 2022 gekauft. Was wie eine reine Konzernfrage aussah, hat sich für die deutsche Indie-Label-Praxis als die folgenreichste strukturelle Verschiebung seit Spotifys Markteintritt 2008 erwiesen.
Wer heute, im Mai 2026, eine kleine deutsche Indie-Veröffentlichung plant, kann an Bandcamp nicht vorbei — aber die Frage, was Bandcamp eigentlich noch ist, ist berechtigter geworden, als sie sein sollte.
Die Ausgangsposition: 85/15, ein Versprechen
Bandcamps strukturelle Innovation war von Anfang an die Auszahlungsquote. Ed Bahlman und Joe Holt hatten die Plattform 2008 mit dem Versprechen gestartet, dass Künstler:innen 85 Prozent jeder Transaktion behalten — 15 Prozent gingen an die Plattform. Bei Vinyl- oder Merch-Verkäufen sogar 90 Prozent. Im Vergleich zur damaligen Streaming-Realität (Spotifys bekanntermaßen erratische Per-Stream-Auszahlung, die heute bei etwa 0,003 bis 0,005 USD pro Stream liegt) war das ein Quantensprung.
Die Rechnung in einfachen Zahlen: Wer eine Bandcamp-EP für 7 Euro verkauft, behält 5,95 Euro. Wer dieselbe EP über Spotify hört, müsste etwa 1.190 Streams generieren, um die gleiche Einnahme zu erzielen. Diese Asymmetrie war zwischen 2010 und 2022 die ökonomische Grundlage, auf der sich eine bestimmte Klasse von Indie-Labels (Erased Tapes, Karaoke Kalk, Morr Music, Tapete) überhaupt erst etablieren konnte.
Das Modell trug auch das, was Bandcamp als kulturelle Position auszeichnete: redaktionelle Eigenständigkeit (Bandcamp Daily), Bandcamp Fridays (an einem Tag pro Monat verzichtete die Plattform auf ihre 15 Prozent — eine Maßnahme, die im März 2020 als Pandemie-Reaktion gestartet wurde und bis 2024 fortgeführt wurde), und eine Suchfunktion, die nicht algorithmisch verschleiert war, sondern tatsächlich Tags und Genre-Felder respektierte.
Was die Songtradr-Übernahme verschoben hat
Songtradrs Geschäftsmodell ist ein anderes als Bandcamps. Die australische Firma, gegründet 2014, ist primär ein B2B-Music-Licensing-Marktplatz: Sie vermittelt Musik an Werbeagenturen, Filmproduktionen, Game-Studios und Streaming-Anbieter. Ihr Erwerb von Bandcamp ergab im Lizenzgeschäft strategischen Sinn — die Bandcamp-Datenbank ist eine der größten kuratiert verwalteten Indie-Kataloge des Westens.
Die unmittelbaren Konsequenzen der Übernahme im Oktober 2023 waren drastisch. Songtradr entließ etwa die Hälfte der Bandcamp-Belegschaft — laut Berichten der MusicAlly und der Verge waren von 118 Mitarbeitenden nur noch etwa 50 in Bandcamp-Strukturen verblieben. Besonders betroffen war die Redaktion von Bandcamp Daily (massive Kürzungen, mehrere Senior Editor:innen freigesetzt) und die Union-organisierte Belegschaft (die Bandcamp United Union hatte sich 2023 unter Epic-Besitz formiert; die Songtradr-Übernahme wurde von Gewerkschaftsseite als gezielte Schwächung interpretiert).
Was seitdem von Bandcamp übrig geblieben ist, hat die Form einer funktionierenden Plattform — aber einer Plattform, die sichtbar weniger redaktionelle Energie investiert als zuvor. Bandcamp Daily erscheint weiter, die Frequenz ist gleich, die Tiefe der Stücke variabel. Die 85/15-Quote ist unverändert. Bandcamp Fridays wurden Mitte 2024 eingestellt — die offizielle Begründung war, dass die Pandemie-Initiative ihren Zweck erfüllt habe. Die unausgesprochene Begründung dürfte die Margenoptimierung im Songtradr-Konsolidierungsprozess sein.
Spotifys Per-Stream-Realität — und warum sie zu Bandcamp zurückführt
Im Mai 2026 zahlt Spotify pro Stream zwischen 0,003 und 0,005 USD aus, je nach Land, Abonnementtyp und Vertrag des Rechteinhabers. Diese Zahl ist seit etwa 2019 nominal stabil — was inflationsbereinigt einen Rückgang von etwa 15 bis 20 Prozent bedeutet. Die viel zitierten 0,003 EUR pro Stream sind eine Faustregel, die in der Realität zwischen 0,0025 und 0,004 EUR schwankt.
Was sich seit 2024 verschärft hat, ist die Streaming-Equity-Diskussion. Spotifys 2023 eingeführte Schwellenwert-Regelung — Tracks unter 1.000 Streams im Jahr werden gar nicht ausgezahlt — hat eine ganze Klasse von Long-Tail-Veröffentlichungen ökonomisch entwertet. Für deutsche Indie-Labels mit Backkatalog von 50 bis 300 Veröffentlichungen heißt das: Etwa 40 bis 60 Prozent des Katalogs erzeugen jetzt keine Streaming-Einnahmen mehr, während die Künstler:innen weiter im System gelistet bleiben.
In dieser Situation ist Bandcamp — auch ein verkleinertes, weniger redaktionelles Bandcamp — die einzige relevante Plattform, die kleinen Veröffentlichungen ökonomisch sinnvoll Raum gibt. Das ist kein Lob auf die aktuelle Bandcamp-Führung, sondern eine Bilanz der Alternativen. Resonate (genossenschaftlich, Stream-to-own) ist eine schöne Idee, hat aber im Mai 2026 etwa 80.000 aktive Nutzer:innen — vergleichbar nicht mit Spotify (250 Millionen zahlende Abonnent:innen) und nicht einmal mit Bandcamp (etwa 8 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen, geschätzte Zahlen).
Bandcamp ist nicht ideal. Bandcamp ist alternativlos. Das sind unterschiedliche Aussagen.
Vinyl-Renaissance, deutsche Zahlen
Was die ökonomische Bilanz seit 2020 verschoben hat, ist die Vinyl-Wiederbelebung. Für 2024 meldete der BVMI (Bundesverband Musikindustrie) etwa 6 Millionen verkaufte LPs in Deutschland — ein Marktanteil von etwa 5,5 Prozent am physischen Tonträgersegment, und ein nominaler Umsatz, der mit dem CD-Markt inzwischen gleichgezogen hat. Für 2025 wurden ähnliche Zahlen erwartet, mit leicht steigender Tendenz im Indie-Segment.
Für die Indie-Label-Praxis ist Vinyl seit etwa 2021 wieder die Refinanzierungsbasis. Die Kalkulation für eine 500er-Pressung einer Indie-LP sieht im Mai 2026 etwa so aus: Pressung und Hüllen kommen auf 4.500 bis 6.500 Euro (Pressungsstaus haben sich seit 2023 erholt, Wartezeiten liegen wieder bei 4 bis 6 Monaten), Mastering und Cutting nochmal 800 bis 1.500 Euro, Cover-Druck variabel. Verkaufspreis 22 bis 28 Euro je nach Ausstattung. Über Bandcamp behält das Label bei 25 Euro Verkaufspreis ungefähr 22,50 Euro brutto, vor Versand, GEMA und sonstigen Abgaben.
Diese Kalkulation funktioniert nur, wenn die Pressung weitgehend verkauft wird. Das ist seit 2022 wahrscheinlicher geworden, weil die Vinyl-Konsumenten-Schicht erkennbar wächst, und weil die Indie-Label-Distribution über Indigo (Hamburg), Cargo Records (Berlin/UK) oder Broken Silence (Hamburg/Köln) wieder verlässlich funktioniert. Indigo, seit 1990 in Hamburg, ist nach mehreren Konsolidierungen weiter die zentrale Distributor-Adresse für deutsche und englische Indie-Labels im DACH-Raum.
Deutsche Indie-Distribution — Indigo, Cargo, Broken Silence
Worüber in der Bandcamp-Debatte selten geredet wird, ist die nicht-digitale Distribution. Für deutsche Indie-Labels läuft die physische Tonträger-Vertriebslogistik über eine kleine Zahl spezialisierter Distributoren, deren Konsolidierung im letzten Jahrzehnt eigene Verschiebungen produziert hat.
Indigo, 1990 in Hamburg gegründet, ist die zentrale Adresse für den DACH-Indie-Markt. Über Indigo werden Tapete, Trikont, Wonder, Buback, Crippled Dick Hot Wax und viele weitere Labels in den deutschen Handel geliefert. Indigo selbst ist seit 2003 Teil der Edel-Gruppe, was die Indie-Selbstpositionierung des Vertriebs leicht relativiert — strukturell bleibt Indigo aber der Vertriebspartner, der Indie-Labels die Belieferung von Saturn, Müller, JPC und den verbleibenden inhabergeführten Plattenläden ermöglicht.
Cargo Records, deutsch-britisches Joint Venture aus den 1980er Jahren, deckt das spezialisierte Indie-Segment ab — Konstantin Records, Karaoke Kalk, Morr Music, Smalltown Supersound. Cargo arbeitet näher an den unabhängigen Plattenläden und an der internationalen Distribution, was für Labels mit nicht-deutscher Kundschaft relevant ist.
Broken Silence, ebenfalls in Hamburg ansässig und mit Köln-Sitz, hat sich seit etwa 2015 als dritte Adresse etabliert, mit Schwerpunkt auf metal-affinen und alternativen Indie-Veröffentlichungen. Daneben existieren kleinere Spezialdistributoren wie Plastic Frog (Hardcore-Punk), AGM (Reggae und Worldmusic), und einzelne Labels, die ihre Distribution selbst betreiben oder direkt über die Plattenladen-Netzwerke (Hanseplatte Hamburg, OYE Berlin, Schallplatten Schneider Berlin) vertreiben.
Die Bedeutung dieser nicht-digitalen Distribution ist seit der Vinyl-Renaissance gestiegen. Wer eine LP über Bandcamp anbietet, verkauft auch direkt — aber wer 500 Pressungen über zwei Jahre absetzen will, kommt um den physischen Distributor selten herum.
Die strukturelle Frage
Was die Songtradr-Übernahme im Rückblick deutlich macht, ist eine strukturelle Asymmetrie der Indie-Plattform-Ökonomie: Plattformen, die ein faires Auszahlungsmodell entwickeln und damit kulturellen Mehrwert schaffen, werden in einem späteren Schritt von größeren Strukturen übernommen, die mit der Plattform andere Geschäftsmodelle verfolgen. Bandcamp ist nicht die erste Plattform, der das passiert ist (man denke an Soundcloud, an Last.fm), und sie wird nicht die letzte sein.
Die Frage, die sich für deutsche Indie-Labels seit der Übernahme stellt, ist eine pragmatische: Wie viel Abhängigkeit von Bandcamp ist verantwortbar, und welche Reserve-Infrastruktur muss daneben aufgebaut werden? Antworten, die sich seit 2024 abzeichnen, gehen in zwei Richtungen.
Erstens: Direktverkauf über eigene Shopify- oder Webflow-Shops. Aufwändiger als Bandcamp, aber unabhängig. Karaoke Kalk, Audiolith und einige kleinere Labels betreiben eigene Webshops parallel zur Bandcamp-Präsenz. Die Kosten — Shopify-Gebühr ab 32 Euro/Monat, Zahlungsabwickler-Provision 2 bis 3 Prozent — sind höher als die Bandcamp-15-Prozent erst ab einem nicht-trivialen Umsatzvolumen vergleichbar.
Zweitens: Bandcamp als Plattform für die Veröffentlichung, eigene Mailing-Liste für die Bindung. Wer Newsletter-Abonnent:innen direkt erreicht, ist von der Bandcamp-Discovery-Funktion weniger abhängig. Das ist das Modell, das Tapete Records seit Jahren und Morr Music seit Mitte der 2010er konsequent verfolgen.
Beides sind defensive Strategien — sie reagieren auf eine Plattform-Risiko-Lage, die seit der Songtradr-Übernahme realer ist als vorher. Bandcamp wird im Mai 2026 noch funktionieren. Ob Bandcamp im Mai 2030 noch in seiner heutigen Form existiert, ist eine Frage, die sich seit 2023 anders stellt als zuvor.
Eine endgültige Bilanz ist verfrüht. Eine vorläufige lautet: Bandcamp ist die Plattform, ohne die die deutsche Indie-Label-Praxis aktuell nicht funktioniert — und gleichzeitig die Plattform, deren Eigentümerstruktur das größte Einzelrisiko der nächsten Jahre darstellt. Beides gleichzeitig zu denken, ist die Aufgabe, die sich die Szene seit Oktober 2023 stellt.